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Meine Zeit als Kostümbildnerin

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Stewardess, Schauspielerin, VIP, Designerin, sind das nicht alles herrliche Modeberufe? 

Pilotin, Abenteurerin, Erfinderin?

Mafiosi?

Wie auch immer. Einer meiner Traumberufe war es, für grosse Theaterbühnen so richtig verrückte Kostüme zu entwerfen.

Extravagante, unvergessliche, extreme Kostüme mit einem unendlich grossen Budget.

Dann natürlich ein Riiiiesenapplaus, unzählige Vorhänge an der Premiere.

Endlos begeisterten Zuschauer, völlig aus dem Häuschen.

Natürlich würde ich diese Ehre nur auf mich münzen, auf meine Arbeit - logisch oder?!

Ich würde vergessen, dass es auch noch ein Bühnenbild braucht.

Die Beleuchtung, etwas vom Wichtigsten überhaupt.

Und das Allerwichtigste ist waseliwas?

?!

Die Künstler natürlich.

Wie kann man die vergessen?! Die Sänger, die Schauspieler oder die Tänzer. Oder bei einem Musical die Sängertänzer. 

Solche Kostüme wollte ich entwerfen.

Und ich hab den Auftrag gekriegt. Man hat mir die Schlüssel in die Hand gedrückt.

Ich habe losgelegt, wie wenn mein Auto mindestens sechsundreissig Gaspedale hätte und selbstverständlich keine Bremse.

Den ersten Auftrag habe ich vom Theater Münster in Nordrhein-Westfalen erhalten. Eine Bühne mit etwa 2'500 Plätzen. 

Im Vergleich das Opernhaus Zürich, beileibe kein Bonsai-Theater. Jedenfalls nicht für hiesige Verhältnisse.

Und trotzdem.

Es hat "nur" 1200 Plätze im Vergleich zu Münster.

Also war das nicht schlecht für einen ersten Auftrag.

Wie ich zum Auftrag kam... erzähle ich in einem anderen Blog.

Jedenfalls stieg ich in den Flieger und ab die Zoë.

Übrigens hiess ich damals noch Christine :-)

Ich sollte die Kostüme für die Oper "Don Giovanni" machen.

Eine Riesenkiste mit vier bis fünf Kostümen pro Hauptrolle, dann der grosse Männer- und Frauenchor mit jeweils mehreren Kostümen.

Zusätzlich Statisten und ein paar Spezialdinge wie eine auferstandene Leiche.

Zudem natürlich die Perücken.

Und die Maske, also die Schminke.

Nicht zu vergessen die Accessoires: Schuhe, Strümpfe, Taschen, Hüte, Handschuhe, Zwicker undsoweiterrrrr.

Und Schmuck, überall Schmuck.

Ich schwelgte.

Hatte über ein Budget zu wachen, beim Theater nennt sich das ETAT.

Damals waren das glaube ich 30'000 DM.

Klingt nach viel, aber ich musste schaurig sparen.

Der Stil sollte an Vivienne Westwood angelehnt sein, also extravagant, auffallend, extrem, eigenwillig, ungewöhnlich, ausgefallen.

Es ist mir gelungen - die Kritiker waren begeistert.

Die Schneiderinnen weniger, denn die Kostüme waren herausfordernd und manch eine hatte zerstochene Finger und ein zermartertes Köpfchen deswegen.

Ich habe sie an ihre Grenzen gebracht, fachlich und auch vom Zeitdruck her.

​Im Theater lernte ich auch, mit den unterschiedlichsten Handwerkern und Künstlern im Team zu arbeiten. Nischt immer einfach.

Die Intendantin war so begeistert von meiner Arbeit, dass sie mich vom Fleck weg als Kostümbildnerin engagierte.

Ab da wohnte ich mehr in Deutschland als in der Schweiz und lernte viele unterschiedliche Theaterbühnen kennen.

Ich war an vielen Orten und habe Ballett, Schauspiel und vor allem Opern ausstaffiert.

Es war eine unglaubliche, unbeschreibliche, unübertreffbare Welt.

Für mich zumindest.

Beruflich gesehen war es der Dauer-Regenbogen meines Lebens.

Finanziell der trübe Dauer-Regen.

Es war hart zu erleben, wie hart die Künstler leben.

Ganz hart am Existenzminimum. Und das nicht nur manchmal sondern ständig.

Und dabei doch immer wieder eine grandiose Leistung hinlegen.

Aber ich habe auch gelernt, dass Not erfinderisch macht.

Ich lernte, dass es auf der Bühne nur um Wirkung geht.

Man kann aus wenig sehr viel machen, wenn man weiss, worauf es ankommt.

Ich lernte, mit einem sehr kleinen Etat superbe Kostüme hinzuzaubern.

Natürlich IMMER nur dank der Unterstützung der Schneiderei, der Maskenbildnerei, der Gewandmeisterei und der Kostümabteilung.

Sehr interessant fand ich auch, historische Kostüme herzustellen und in die heutige Zeit zu übersetzen.

Da musste der Schöbeli dann schon einiges lesen und übertrieben hirnen.

Nach wochenlangem Studium, Lesen, Vergleichen und nachdenken kommt die Mutprobe.

Zeichnen.

Die Angst vor dem weissen Blatt überwinden.

Immer wieder.

Und immer wieder zweifeln und das Gefühl haben, dass man die weltgrösste Niete ist.

Das gehört bei der künstlerischen Arbeit dazu. Es geht gar nicht ohne.

Man gewöhnt sich auch nie an diese Selbstzweifel.

Jedenfalls ich nicht.

Bei jedem Stück hatte ich das Gefühl, es sei noch nie so schlimm gewesen.

Aber auf meiner seelischen Talfahrt erinnerte ich mich irgendwann ganz vage, dass sich die Journalisten doch immer wieder zu guten Kritiken hatten hinreissen lassen.

Waren das alles völlig Benebelte?

Können sich so viele Menschen andauernd irren?!

Aber.

Mit den Jahren wird dieses Wechselbad der Gefühle und überhaupt das Leben im Theaterkosmos e bitz anstrengend.

Ich habe über vierzig Stücke ausstaffiert.

Habe nächtelang durchgearbeitet und trotzdem reichte die Gage nicht, um zu überleben.

Trotz sehr einfachem Lifestyle.

Das ist hart, wenn man doch so gerne neue Schuhe kauft.

Es gibt Theaterbühnen, die bezahlen den Kostümbildnern keinen Rappen.

Ihr einziger Lohn ist, dass sie namentlich im Programmheft erscheinen, Kostüme: Cornelius Abegglen.

Ob man mit einem Programmheft Krankenkassenprämien bezahlen kann?

Wieso akzeptiert ein normaler Mensch das alles?

Sind Kostümbildner Masochisten?

Ich glaube nicht, aber...

dieses Leben ist so viel spannender ist als manches andere.

Und ehrlich, weil bei jedem neuen Stück ganz viel Hoffnung aufkeimt: Oh, diesmal wird es viiiel besser!

Das Erstaunliche, ich habe das JEDES MAL neu geglaubt! 

So lebte ich über Jahre dauernd in andern Städten, hässlichen Hotelzimmern oder gratis in irgendwelchen Kammern bei irgendwelchen ziemlich schrägen Vögeln.

Ich war oft allein und fühlte mich einsam.

Menschen ausserhalb des Theaters hat man nicht so viel zu erzählen, die verstehen diese emotionalen Dramen meist sowieso nicht: "Ach komm, such dir doch einen Job als Briefträger!"

Aber das ist eine Ohrfeige ins blutende Herz.

Denn am Theater zu arbeiten ist völlig anders als anderswo zu arbeiten.

Man beginnt um 10 oder eher um 11 Uhr morgens und kommt nicht vor 24 Uhr aus dem Theater.

Dann muss man erst mal tüchtig runterfahren, denn der Adrenalinspiegel flimmert hoch über den Wolken.

​Die Wochen vor der Premiere waren jedes Mal hochtourig.

So viel Stress, so viele Probleme (sorry, neudeutsch: Hechausfochdechungen).

Die wichtigste Besetzung wird krank.

Jemand dreht durch.

Das Bühnenbild klappt nicht.

Die Beleuchtung funktioniert nicht. Die Ersatzteile treffen zu spät ein.

Die Sängerin zickt wegen einem Kostüm.

Die Perücke ist nicht so, wie ich sie mir vorgestellt habe.

Dazu der Probenstress.

Die gereizten Intendanten, Kapellmeister, Ballettchef.

Dann die meist katastrophale Generalprobe.

UND DANN UND DANN UND DANN:

DIE PREMIERE!

UND ALLES KLAPPT UND FUNKTIONIERT!

NIEMAND HAT EIN BLACKOUT, DIE EINSÄTZE STIMMEN!

DIE STIMMEN SIND ZAUBERHAFT!

DIE KOSTÜME TRAUMHAFT!

DIE KULISSE IMPOSANT!

DAS LICHT VERFÜHRT.

UND ALLE SIND SOO HAPPYYYYY!

​Und wenn die Gläser zum Anstossen nicht mehr klirren, kein schwerer Parfumgeruch mehr im Raum liegt, auch jedes Lachen sich zur Tür hinausgeschlängelt hat, dann weiss die Kostümbildnerin: jetzt ist Schluss.

Das Stück ist geboren.

Für die nun folgenden Vorstellungen spielt es nun ganz normal.

Es braucht dich nicht mehr. 

Das fühlt sich an wie das Lieblingskind, das ganz speziell Umsorgte, das soeben von zuhause ausgezogen ist.

Plötzliche Kälte in den Räumen.

Leere.

Stille. 

Heimweh nach gestern und vorgestern.

Ich habe nicht gewusst, dass auch diese Nach-Premieren-Kurzdepression normal ist.

Sie dauert etwa eine Woche, dann rappelt man sich wieder auf.

Der Atem pendelt sich wieder ein.

Das nächste Stück wartet.

Und alles beginnt von vorne.

Und danach wieder diese leise Melancholie als Abschluss der Premiere...

Man steigt den Berg hoch - auf der andern Seite wieder runter, um den nächsten Gipfel zu erklimmen.

Nie wieder habe ich diese Gefühle empfunden, diese Intensität. 

Und es war nicht Theater, sondern real!

Das nächste Mal im Theater, auf den weichen Samtesseln... 

Vielleicht kommt eine sanfte Erinnerung an diesen Blog hoch, wenn Augen und Ohren das Treiben auf der Bühne geniessen...

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Kommentare 2

Just GREAT ;-))

Liebe Zoe, gracie für diesen so ganz real-ver-rückten Blog! Wenn das Leben nicht selbst schon Theater spielt, dann ganz bestimmt hinter dem Bühnen-Vorhang ;-))

Was da gelitten, gehofft, geträumt und ausgedacht und wieder verworfen und ganz neu interpretiert wird - es sind Welten die die Bühnen des "normalen" kaum nachzu-vollziehen vermögen. Welten, die einem aufzeigen, dass Visionen auch ihren Preis einfordern. Und dies alles hast Du bis in die tiefen Tiefen miterleben können als eine unglaubliche Bereicherung und Erfahrung trotz vielstem Verzicht! GRACIE!!!

Liebe Zoe, gracie für diesen so ganz real-ver-rückten Blog! Wenn das Leben nicht selbst schon Theater spielt, dann ganz bestimmt hinter dem Bühnen-Vorhang ;-)) Was da gelitten, gehofft, geträumt und ausgedacht und wieder verworfen und ganz neu interpretiert wird - es sind Welten die die Bühnen des "normalen" kaum nachzu-vollziehen vermögen. Welten, die einem aufzeigen, dass Visionen auch ihren Preis einfordern. Und dies alles hast Du bis in die tiefen Tiefen miterleben können als eine unglaubliche Bereicherung und Erfahrung trotz vielstem Verzicht! GRACIE!!!
❣ - Zoë Bee am 19. Oktober 2017

Oh du Liebe Sile,
Danke für diese Rückmeldung, die mich riesig freut. Besonders wenn sie von DIR kommt!! Ja, es ist genau so, wie du schreibst!
Hoffentlich sehen wir uns bald wieder, du ähnlich Gestrickte :-)
Liebs Grüessli...

Oh du Liebe Sile, Danke für diese Rückmeldung, die mich riesig freut. Besonders wenn sie von DIR kommt!! Ja, es ist genau so, wie du schreibst! Hoffentlich sehen wir uns bald wieder, du ähnlich Gestrickte :-) Liebs Grüessli...
20. Oktober 2017

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